Kaum ein Bild steht so für Öland wie eine Windmühle vor weitem Himmel. Im 19. Jahrhundert war die flache Insel dichter mit Mühlen bestanden als fast jede andere Landschaft – um 1850 drehten sich hier rund 2.000 davon. Heute sind noch etwa 350 erhalten, und sie prägen das Bild Ölands bis heute ebenso wie Schlösser, Leuchttürme und Kirchen.
Warum gerade Öland zur Mühleninsel wurde
Der Grund ist geologisch und praktisch zugleich. Öland hat keine größeren Flüsse oder Bäche, an denen sich Wassermühlen hätten betreiben lassen. Für die Getreideverarbeitung war die Insel deshalb auf Windkraft angewiesen – und die flache, baumarme und windreiche Landschaft lieferte sie zuverlässig. Wo das Festland mühlte, indem es Wasser staute, ließ Öland den Wind arbeiten.
Den Ausschlag für den großflächigen Mühlenbau gab ein königlicher Erlass von 1746, der die strengen Beschränkungen für die Holznutzung lockerte. Erst damit konnten sich viele Höfe das Bauholz für eine eigene Mühle leisten. Ein Bericht von 1765 hielt fest, dass praktisch jeder vermögende Bauer sich seine eigene Mühle baute – mehr als ein Werkzeug war sie damit auch ein Statussymbol. Die Mühle am Hof zeigte, dass man es zu etwas gebracht hatte.
Vom Hochstand 1850 bis zum Verfall um 1900
Die Zahlen lassen sich erstaunlich genau nachzeichnen. Ende des 17. Jahrhunderts gab es auf Öland 375 Wind- und 188 Wassermühlen. Der stärkste Zuwachs setzte ab Mitte des 18. Jahrhunderts ein – eine direkte Folge des Erlasses von 1746. Bis 1808 war die Zahl der Windmühlen auf 1.677 gestiegen, und um 1850 erreichte die Insel mit rund 2.000 Mühlen ihren Höchststand.
Der drastische Rückgang begann um 1900. Die kleinen Bockwindmühlen wurden von technisch überlegenen Anlagen verdrängt: zuerst von großen Holländermühlen, dann von Dampf- und schließlich von rohölbetriebenen Mühlen, die unabhängig vom Wind und in größeren Mengen mahlen konnten. Die Hofmühle hatte ausgedient. Dass heute noch so viele Bauwerke stehen, ist weniger ihrer ursprünglichen Funktion zu verdanken als dem späteren Willen, sie als Wahrzeichen zu erhalten.
Bockwindmühle und Holländermühle – die Bauarten
Die typische Öland-Mühle ist die Bockwindmühle, auf Schwedisch stubbkvarn, meist vom Ende des 18. oder Anfang des 19. Jahrhunderts. Ihr Kennzeichen: Das gesamte Mühlenhaus wird um einen festen Stamm gedreht, um die Flügel in den Wind zu stellen. Das macht sie kompakt und unverwechselbar – die kleinen, drehbaren Holzkästen auf einem Bock sind das Motiv, das man auf Öland überall an den Dörfern und entlang der Hauptstraße findet.
- Bockwindmühle (stubbkvarn) – das gesamte Haus dreht sich um einen Stamm; die mit Abstand häufigste Bauart und das Wahrzeichen der Insel.
- Holländermühle – nur die Kappe mit den Flügeln ist drehbar, der Turm steht fest; größer und leistungsfähiger. Um 1900 gab es davon etwa 30 auf Öland, heute sind noch rund zehn erhalten.
Hauptaufgabe war fast überall das Mahlen von Getreide zu Mehl. Es gab aber auch Sonderformen: In Jordhamn stand eine Mühle, die mit Windkraft keinen Weizen mahlte, sondern Kalkstein schliff – eine Schleifmühle, die zeigt, wie selbstverständlich die Inselbewohner den Wind für unterschiedlichste Arbeit einspannten.
Lerkaka – die bekannteste Mühlenreihe
Wer auf Öland nur eine Mühlenreihe ansehen will, fährt nach Lerkaka im Kirchspiel Runsten an der Ostseite der Insel, in der Gemeinde Borgholm. Südlich des Dorfes steht eine der meistbesuchten Mühlenreihen der Insel: fünf Bockwindmühlen unter Walmdächern, direkt am Straßenrand aufgereiht. Parkplätze gibt es an beiden Enden der Reihe, mit einem separaten Platz für Busse und Wohnmobile; eine ehemalige Schmiede wurde zum Café umgebaut.
Eine der fünf Mühlen hat der Verein geöffnet, sodass Besucher die Funktionsweise der Bockwindmühle von innen ansehen können. Informationstafeln erklären die Technik; für den Besuch sollte man etwa 20 bis 30 Minuten einplanen. Geöffnet ist die Mühle saisonal im Sommer – feste, offizielle Stundenangaben für 2026 liegen nicht vor, der Außenbesuch der Reihe ist aber jederzeit frei.
Gleich gegenüber der Mühlen lohnt ein zweiter Blick: Dort steht ein wikingerzeitlicher Runenstein (Ölands runinskrifter 37), rund 215 Zentimeter hoch und mit einer doppelten Drachenschlinge verziert. Mühlen und Runenstein machen Lerkaka zu einem dichten kleinen Halt. Alle praktischen Details stehen unter Lerkaka Väderkvarnar.
Sandviks kvarn – Nordeuropas größte Windmühle
Ein anderes Kaliber ist Sandviks kvarn im Ort Sandvik an der Westküste Nord-Ölands, rund 30 Kilometer nördlich von Borgholm. Sie gilt als größte Windmühle Nordeuropas: eine achtstöckige Holländermühle (smock mill), 26 Meter hoch, mit einer Flügelspannweite von 24 Metern.
Erbaut wurde sie nicht auf Öland, sondern 1856 bei Vimmerby in Småland und erst 1885 nach Sandvik versetzt. Heute ist sie vollständig erhalten und im Sommer über schmale Treppen als Museum begehbar; im Erdgeschoss gibt es Restaurant und Café. Die Adresse ist Stenhuggarvägen 3 in Sandvik. Wer einmal nicht nur außen vor einer Mühle stehen, sondern eine von innen erklimmen will, ist hier richtig – verbindliche Öffnungszeiten für 2026 sollte man vorab prüfen, gesichert ist nur der Saisonbetrieb im Sommer.
Über die Insel verteilt gibt es noch viele weitere besuchbare Mühlen, etwa in Grönhögen und in Jordhamn. Die mühlenreichste Gemeinde war übrigens nicht Lerkaka, sondern Vickleby mit allein 77 Mühlen.
Wer die Mühlen heute erhält
Dass aus 2.000 Mühlen nicht null, sondern rund 350 wurden, ist vor allem das Verdienst lokaler Vereine. Ab den 1950er Jahren gegründete Heimatvereine (hembygdsföreningar) besitzen und pflegen heute etwa ein Drittel aller Mühlen Ölands; ihre praktische Instandhaltung – Dächer, Flügel, Mechanik – war entscheidend für den Erhalt der Bauwerke.
Die übergreifende Arbeit übernahm später die 2008 gegründete Ölands Kvarnförening, die die Aufgabe der früheren Mühlenkommitté fortführte und die inselweite Mühleninventur durchführte, aus der die Zahl von 351 erhaltenen Mühlen stammt. Dokumentiert und denkmalpflegerisch betreut werden die Mühlen zusätzlich vom Kalmar läns museum als Teil des regionalen Kulturerbes. Auch die offizielle Tourismusseite empfiehlt das Thema ausdrücklich – sie schlägt eine „Mühlen-Safari” über die Insel vor, bei der man die schönsten Reihen abfährt.
Mühlen sehen und fotografieren
Man muss keinen festen Plan haben, um Mühlen zu sehen – sie stehen an Dörfern und entlang der Hauptstraße über die ganze Insel verteilt. Wer gezielt fahren will, kombiniert die fünf Mühlen von Lerkaka im Osten mit dem Riesen Sandviks kvarn im Norden und nimmt unterwegs die einzelnen Mühlen an den Dörfern mit. Die offene Landschaft macht jede freistehende Mühle zum Fotomotiv; das tiefstehende Licht am Morgen und Abend setzt die hölzernen Kästen gut in Szene, ohne dass dies eine offizielle Empfehlung wäre.
Wer die Mühlen in die Inselgeschichte einordnen will, findet weitere Zahlen und Hintergründe unter Öland in Zahlen & Fakten; einen Überblick über die übrigen Höhepunkte geben die Sehenswürdigkeiten auf Öland, und zur Landschaft, in der die Mühlen stehen, passt der Guide zur Natur Ölands.